Corona und Patientenverfügung

Die Presse, Scharen von Anwälten und alle möglichen Dienstleister – auch in der Finanzdienstleistung – verbreiten in diesen Tagen
Meldungen wie „Patientenverfügung wegen Corona prüfen (Focus, 17.04.2020). Selbst Kanzleramtsminister Helge Braun stellt die Wichtigkeit der Patientenverfügung in dieser Situation heraus.

Sabine Wolter von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen rät: „Wer eine Patientenverfügung verfasst hat, sollte das Dokument diesbezüglich nochmal aufmerksam durchlesen“ Sie fragt ob Betroffene ihre Patientenverfügung bezüglich einer künstlichen Beatmung im Covid-19-Fall anpassen sollten.
Zitat Wolter: „Hierbei besteht die Chance, dass Patienten wieder gesund werden und die Krankheit nicht tödlich verläuft. Wer dennoch auf keinen Fall künstlich beatmet werden will, sollte dies ebenfalls explizit in die Verfügung hineinschreiben. Lehnt jemand zwar grundsätzlich eine künstliche Beatmung ab, will aber bei Covid-19, dass die Mediziner alles Erdenkliche tun, sollte er dies konkret so schreiben. „So lassen sich Missverständnisse vermeiden“.

Was sagt der Spezialist?

Die Stellungnahme eines Palliativmediziner klingt da ganz anders: „Bei einer Covid-19-Erkrankung handelt es sich um eine Akuterkrankung mit offenem Ausgang, für die die Patientenverfügung gar nicht gelten soll. Maßgeblich für uns Mediziner ist, das am Anfang einer Behandlung und bei einer eventuellen später beginnenden (indizierten) Beatmung prinzipiell die Chance auf Heilung bestehen muß.“ Kein Betroffner muss sich Sorgen machen, dass diese Maximaltherapie wegen einer Standard-Patientenverfügung unterbleibt.“

Warum ist die verbreitete Hektik und Angst im Fall von Covid-19-Patienten, die meistens mit akutem Lungenversagen eingeliefert werden, gar nicht nötig? Weil die Patienten noch mit den Medizinern kommunizieren können. Jeder der obengenannten „Hektiker“ sollte wissen wann eine Patientenverfügung gilt, nämlich „Für den Fall, dass ich meinen Willen nicht mehr bilden oder verständlich äußern kann.“

Für den Fall das der Betroffene nicht mehr mit den Ärzten kommunizieren kann, treten die Regelungen der Patientenverfügung in Kraft.
Weiß er es nicht, sollte er diese Beratung zur Patientenverfügung nicht anbieten. Finanzdienstleistern ist es vom Rechtsdienstleistungsgesetz her eh verboten, diese Dienstleistung anzubieten, was das eindeutige Gerichtsurteil des AG Northeim in 2017 noch mal deutlich untermauert hat.

Blanker Aktionismus!?

Also ist der oben genannte Aktionismus vollkommen übertrieben, sodass ein Rechtsanwalt es auf den Punkt bringt: „Hier werden Ängste geschürt, um die Praxis voll zu bekommen oder neue Klienten zu werben. Diese Vorgehensweise halten meine Kollegen und ich für unseriös.“

In Deutschland wird laut Beatmungsspezialist Martin Bachmann, …“die Intensivtherapie in der Mehrzahl der Fälle nicht bis zum Eintritt des Tod fortgesetzt, sondern beendet, wenn es nicht länger sinnvoll erscheint. Wir sind es gewohnt, solche Entscheidungen zu treffen.“ (Spiegel Nr.15/4.4.2020)
Bei diesen Entscheidungen steht eine Frage im Raum: Ist das, mit dem Covid-19-Patienten, vereinbarte Therapieziel noch erreichbar? Ist es nicht mehr erreichbar (nicht mehr indiziert), wird in Abstimmung mit der bevollmächtigten Person das Therapieziel geändert. „Auch ein sanfter Tod darf als Ziel gelten“ sagt der Aachener Mediziner Ertunc Altiok.

Für wen eine zusätzliche Erklärung beruhigend wirkt, kann selbstverständlich eine Erklärung abgeben, in der er verbietet bei einer Covid-19- oder ähnlichen Erkrankung auf jegliche künstliche Beatmung zu verzichten. Hinzu kann der Wunsch kommen, in der Situation palliativ behandelt und begleitet zu werden um an der Erkrankung versterben zu können, was eh Bestandteil der meisten Patientenverfügungen ist. Zuletzt kann der Aussteller erklären, dass er mit dieser Entscheidung auf die Eventualität einer Verbesserung der Gesundheit verzichtet.

Fazit:

1. Wenn ein Covid-19-Patient beatmet werden möchte, und alle medizinisch erdenklichen Maßnahmen ausreizen will, wird er selbstverständlich, unter der Voraussetzung das die Maßnahmen indiziert ist, diese Maßnahmen erhalten.
2. Grundsätzlich ist eine Ergänzung in der Patientenverfügung nicht notwendig, weil der Patient bei der Covid-19-Erkrankung noch mit den Medizinern reden kann.
3. Hektik und Angst sind keine guten Berater. Wer eine Patientenverfügung z.B. nach Vorlage des Bayerisches Staatsministerium der Justiz erstellt hat, ist gut abgesichert.
Ein hörenswerter Medizin-Podcast zum Thema „Welches Kriterium bei einer COVID-19-Triage für Ärzte entscheidend wäre“, gibt Einblicke in die Entscheidungen und Kommunikation mit betroffenen Patienten.

Tipp für Finanzdienstleister:
Da Finanzdienstleister in diesem Bereich rechtlich nicht beraten dürfen (siehe Urteil des AG Northeim) , können sie ihre Kunden vom kostenlosen Downloads der rechtlich einwandfreien Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht des „Bayerisches Staatsministerium der Justiz“ informieren.

Fachlich gute und kostenlose Beratungen finden Ihre Kunden z.B. bei Betreuungsvereinen, Caritas, Diakonie, oder in den östlichen Bundesländern bei der Volkssolidarität. Das gesparte Geld kann Ihr Kunde dann in seine finanzielle Absicherung investieren.