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26Apr2014

Was trotz Patientenverfügung und Betreuungsvollmacht passieren kann

  • By uwelzel
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Auf einer Fortbildung lernt Uwe S. im Jahr 2011 die 76-jährige Rollstuhlfahrerin Helene M. kennen. (Die Namen wurden verändert.) Sie hat 18 Jahre lang eine Arztpraxis geleitet und war immer unabhängig. Ihr Interesse gilt der Kunst, der Musik und ihrem wunderschönen Garten, der ihr kleines Häuschen umrahmt.

 

Vor zwei Jahren brach bei Helene M. eine, bis dahin nicht erkannte, Krankheit aus. Die früher sehr agile Frau wurde plötzlich gezwungen einen Rollstuhl zu nutzen. Helene M. fällt auf, weil sie trotz Rollstuhl und Behinderung den Humor nicht verloren hat und sich nur ärgert, dass Sie bei gewissen Dingen im Leben jetzt auf die Hilfe anderer angewiesen ist.

 

Sie hat viele Freunde, die zum Teil täglich bei ihr vorbei kommen und sich großartig um sie kümmern. Seit sie im Rollstuhl sitzt hat sie eine Patienten-und Vorsorgeverfügung. Ihr, in der Patientenverfügung eingetragener, gesetzlich bestellter Betreuer, ist ihr langjähriger Freund Albert H. Er hilft ihr, wo es nur geht. Er hilft Ihr auch, als Sie überraschend, innerhalb von 14 Tagen, aus gesundheitlichen Gründen, ihr 100 qm großes Haus verlassen muss. Ihr Arzt hat zur Verlegung in ein Pflegeheim geraten.

 

Schnell ist ein Platz in einem Pflegeheim gefunden. Der Abschied aus ihrem kleinen Haus und dem tollen Garten fällt ihr sehr schwer. Hat sie doch 52 Jahre in diesem Haus gewohnt. Ihr Betreuer Albert H. leitet parallel zum Umzug ins Pflegeheim den Hausverkauf ein.

Im Pflegeheim erwartet sie ein winziger Raum von nur 16 qm Wohnfläche. Der Bruch von 100 auf 16 qm ist eine gewaltige Umstellung für sie. Selbst der kurze Weg auf den Balkon bleibt ihr verwehrt, da das Zimmer im Pflegeheim nicht barrierefrei gebaut ist. Helene M. schafft es kräftemäßig nicht, den Rollstuhl über den 10 Zentimeter hohen Türstock zu hieven. Es dauert lange, bis sie die Raumsituation akzeptiert. Noch schlimmer empfindet sie die ständige Abhängigkeit vom oftmals sehr schlechtgelaunten Pflegepersonal.

 

Mit dem Einzug ins Pflegeheim bittet Sie Uwe H., sie in seiner Funktion als Hospizbegleiters zu betreuen. Uwe H. nimmt diese Aufgabe an, ordnet ihre Unterlagen und befragt Helene M. intensiv nach ihren persönlichen Wünschen bei Verschlechterung Ihres Gesundheitszustandes.

 

Ihre Antwort lautet: „Es ist alles in meiner Patientenverfügung geregelt. Albert H. ist mein Betreuer, der macht alles in meinem Sinne und genießt mein vollstes Vertrauen. Er weiß, dass ich niemals lebensverlängernde Maßnahmen möchte.“

 

Vier Monate später wird Helene M. um 7:28 Uhr mit Atemnot ins Krankenhaus gefahren. Erst nach einem Anruf bei Uwe H. findet der Notarzt die Patientenverfügung in einem Notfallordner, der gut sichtbar neben ihrem Bett steht. Der Notarzt nimmt den Ordner mit und stellt ihn in den Krankenwagen.

 

Kaum dass Helene M. über die Schwelle der Notaufnahme gefahren wird, kollabiert der Organismus. Da die Ärzte in der Notaufnahme die Patientenverfügung nicht finden, reanimieren sie Helene M. mit Defibrillatoren. Die Patientenverfügung hat der Krankenwagenfahrer in der Eile im Krankenwagen liegen lassen. Anschließend wird Helene M. auf die Intensivstation verlegt. Im Wachkoma liegend wird sie an sieben unterschiedliche Pumpen mit lebenserhaltenden Flüssigkeiten angeschlossen.

 

Der in der Patientenverfügung namentlich aufgeführte Betreuer kommt kurze Zeit später auf die Intensivstation. Der behandelnde Arzt hat große Bedenken, den in der Patientenverfügung geäußerten Willen von Helene M. umzusetzen. Das Auftreten des Arztes verunsichert Albert H. so sehr, dass er unverrichteter Dinge das Krankenhaus verlässt und zur Arbeit fährt.

 

Der leitende Arzt nimmt am Morgen Kontakt mit der Hausärztin auf. Diese bestätigt telefonisch den Wunsch von Helene M., niemals lebensverlängernde Maßnahmen einzuleiten. Jetzt aber fehlt die Einwilligung Betreuers. Da Albert H. den ganzen Tag nicht erreichbar ist, liegt Helene M. im Wachkoma auf der Intensivstation.

 

Es wird 18 Uhr bis Uwe S. Albert H. telefonisch zuhause erreicht wird. Auf die dringende Bitte: „Fahren Sie bitte sofort ins Krankenhaus, der Arzt wartet schon händeringend auf Sie!“ kommt die Antwort: „Das geht nicht, ich habe noch einen Termin bei meinem Schützenverein.“

 

Nach vehementem Druck von Uwe S. nimmt Albert H. Kontakt mit dem leitenden Arzt auf. Um 18:10 Uhr entschließt sich Albert H. , Helene M.s Willen durchzusetzen und einigt sich mit dem Arzt auf den Vollzug der Patientenverfügung. Somit kann erst 12 Stunden nach Einlieferung dem Willen von Helene M. entsprochen werden.

 

Mit Albert H. vereinbart Uwe S. die Nachtwache am Bett von Helene M. Als Uwe S. zur Ablösung pünktlich um 21:12 Uhr in der Intensivstation erscheint, ist von Albert H. nichts zusehen. Er ist wie sich später herausstellt einfach 15 Minuten früher als vereinbart gegangen und hat Helene M. im Sterbeprozess alleine gelassen.

 

Uwe S. richtet sich auf eine lange Nacht ein. Um 22:38 Uhr verstirbt Helene M. friedlich.

 

Welche Empfehlungen lassen sich daraus ableiten?

 

Patientenverfügung:

1. Erstellen Sie früh genug (ab dem 18. Lebensjahr) eine Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht.

 

2. Tragen Sie den Hinweis auf eine bestehende Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht in Ihrer Geldbörse bei sich.

 

3. Bewahren Sie Ihre Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht so auf, dass im Notfall jeder behandelnde Arzt, Ihre Betreuer/Bevollmächtigten und Verwandten diese auch finden.

 

4. Im Pflegefall bewahren Sie Ihre Patientenverfügung z.B. in einer Klarsichtfolie hinter der Zimmer- oder Schranktür auf.

 

5. Weisen Sie das behandelnde und betreuende Personal, Ärzte und Verwandte frühzeitig auf den Aufbewahrungsort der Patientenverfügung hin. Im Notfall, wenn Sie sich nicht mehr äußern können, weiß jeder der Beteiligten Bescheid.

 

6. Äußern Sie immer wieder mündlich, wie im Fall der Fälle mit Ihnen verfahren werden soll.

 

7. Alternativ zu herkömmlichen Aufbewahrungsorten gibt es digitale Notfallkarten. Diese haben die Größe einer Scheckkarte und können immer am Körper getragen werden. Auf dieser Notfallkarte sind alle Daten und Verfügungen digital hinterlegt und können im Notfall telefonisch schnell angefordert werden. Hier finden Sie zwei Notfallkartenanbieter MydiversO und Monuta.

 

8. Wenn der behandelnde Arzt und/oder die Pflegekräfte, trotz vorhandener Patientenverfügung, den Willen des Betroffenen nicht umsetzen wollen, holen Sie sich rechtlichen Rat. Warten Sie nicht lange. Sinnvoll ist es einen Medizinrechtsanwalt einzuschalten. Als Beispiel sei stellvertretend die namhafte Medizinrechtskanzlei Wolfgang Putz in München genannt. Die Kosten übernimmt in den meisten Fällen die  Privatrechtschutzversicherung des Betroffenen.

 

Autoren:

Tillmann Welzel (Rechtsanwalt und Berufsbetreuer)

Ulrich Welzel (Banker, Hospizbegleiter, Unternehmensberater)

 

„Es geht nicht darum dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben.“ Cicely Saunders (Begründerin der Hospizbewegung)

 

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