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18Jan2016

Suizid im Unternehmen

  • By uwelzel
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Im Spiegel vom 16. Januar 2016 lesen wir von einer Suizidserie in der Bundeswehr-Universität in München.

 

Nicht nur an der BW-Uni in München müssen sich Vorgesetzte mit Suiziden und deren Folgen auseinander setzen. Auch in deutschen Unternehmen suizidieren sich Mitarbeiter. In diesen Fällen wird häufig der Deckmantel der Verschwiegenheit darüber gelegt. Löst schon der Tod eines Mitarbeiters Sprachlosigkeit aus, so lösen Suizide im Unternehmensumfeld bei den Verantwortlichen oft Panik aus. Haben sie doch Angst, mit den Vorfällen bei Renault im Jahr 2006 oder der France Telecom in 2011 in Verbindung gebracht zu werden. In beiden Fällen gab es sehr viele Suizide.

 

Ein deutsches Beispiel: Nach drei Suiziden in einem Großunternehmen lässt der Vorstand einen hohen Zaun um die Dachterrasse ziehen. Das war es. Von Aufarbeitung keine Spur. Intern wird so getan, als wäre nichts geschehen. Mit den engsten Kollegen des Suizidanten wird nicht darüber gesprochen, obwohl ersichtlich ist, dass der Suizid viele Kollegen emotional stark bewegt.  Wer als Vorgesetzter so mit seinen Mitarbeitern umgeht, darf sich nicht wundern, wenn die eh schon schlechte Unternehmenskultur noch schlechter wird.

 

Beim Thema Tod und Trauer am Arbeitsplatz tun sich Unternehmen sehr schwer, angemessen und wertschätzend mit den Mitarbeitern zu kommunizieren. Viele Personaler, Betriebsräte und Führungskräfte laufen mit einem imaginären Sack von nicht verarbeiteten Todes- und Trauerfällen herum. Nur wenige holen sich die notwendige Hilfe beziehungsweise bieten ihren Mitarbeitern Hilfe an. Die Sozialberatung wird häufig als wenig kompetent angesehen. Vielfach erleben Betroffene auch hier eine schnelle Abfertigung, wo doch die Zeit eine große Rolle spielt.

 

  • „Ein Trauerfall ist für uns ein Störfall im Produktionsablauf“ sagt mir ein Produktionsleiter.
  • Ein Sicherheitsbeauftragter äußert sich nach dem Tod eines Kollegen: „Wenn wir Rücksicht auf die Kollegen nehmen würden, wäre das der Todesstoß für die Abteilung!“ In diesem Fall wird sogar die Todes-Metapher bemüht.
  • Der Vorstand eines namhaften Unternehmens sagt seinem Mitarbeiter, deren Mutter gerade verstorben ist: „Kopf hoch, das wird schon wieder. Ich weiß wie es Ihnen geht. Gestern ist mein Rauhhaardackel verstorben.“

Wenn ich das hier schreibe, bin ich wieder mal geschockt über die fehlende Sensibilität. Alle drei realen Beispiele zeigen auf erschreckende Weise, wie es um die Kommunikationskultur in vielen Unternehmen bestellt ist, wenn Mitarbeiter in existenziellen Krisen stecken. Das gilt für den Handwerksbetrieb genauso wie für den Mittelständler und das börsennotierte Unternehmen.

 

Diese fehlende Sensibilität wird meistens jüngeren Mitarbeitern unterstellt. Weit gefehlt: Alle oben genannten Äußerungen wurden von Verantwortlichen im Alter von 48 bis 62 Jahren geäußert. Die ehemalige Bischöfin Margot Käßmann berichtete vor Jahren, wie hilflos sie die Vorstände eines Dax-Unternehmens auf der Beerdigung eines leitenden Angestellten erlebt hat. Sich in diesen Situation wegzuducken bringt gar nichts.

 

Allein schon aus der Fürsorgepflicht des Arbeitgebers heraus, sollten sich Führungskräfte mit Lösungen beschäftigen. Nichts ist schlimmer, als wenn der Vorstand vor laufender Kamera zugeben muss, nicht auf den Fall der Fälle vorbereitet zu sein. Es reicht nicht aus zu sagen: „Zwanzig Jahre ist nichts geschehen. Das konnte ich mir nicht vorstellen, dass so etwas passiert.“

 

Bei der Wiedereingliederung nach Arbeitsunfähigkeit wegen einem Trauerfall, erleben Mitarbeiter bei der Rückkehr oft Sprachlosigkeit von Kollegen und Vorgesetzten. Weil die engsten Kollegen und Vorgesetzten nicht auf diese Situation vorbereitet sind, führt das vielfach zu erneuter Arbeitsunfähigkeit und oftmals zur Kündigung. Die Missachtung der Situation wirkt sich negativ auf die Unternehmenskultur und die Kosten aus.

 

Das statistische Bundesamt bereitet viele Zahlen über Krankschreibungen auf, auch aufgrund psychischer Diagnosen. Selbst wenn Trauer nach ICD 10 kein Grund für eine Krankschreibung ist, sind Trauer und Verlust vielmals Auslöser für eine psychische Erkrankung. Den kontinuierlichen Anstieg aufgrund psychischer Erkrankungen zwischen 2000 und 2011 beziffert die AOK auf 50 Prozent und den Anstieg der AU-Tage auf 56%. Die BKK kommt zu ähnlichen Zahlen. Ernst & Young beziffert den Verlust an Bruttowertschöpfung bei AU-Tagen auf 75 Mrd. € jährlich.

 

Für die Bundeswehr-Uni können wir nur hoffen, dass sich die Verantwortlichen intensiv mit dem Thema auseinander setzen, aus den Suiziden lernen und den Trauernden jegliche Hilfe gewähren.

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